Text
von Kai Uwe Schierz, 2004, Direktor Kunsthalle Erfurt
"Neonröhre und Neonschrift gehören traditionell in den Kontext
der Lichtwerbung. Blinkend und farbig in dunkler Umgebung wirken sie als
unwiderstehlicher Eyecatcher, die aggressiver als Plakate ihre Botschaften
in die Massen streuen. Wenn Künstler seit Mitte der 1960er Jahre mit
diesen Materialien arbeiteten, dann immer im Bewusstsein einer Kontextverschiebung;
tritt doche die Neonröhre als bekanntes Artefakt, als objet trouvé,
in die Kunst, welche sie mit veränderten Bedeutungen anreichert - z.B.
mit philosophischen oder provokativen Textinhalten (M. Merz, J. Kosuth,
B. Nauman) oder als Raum und Wahrnehmung definierende Form (D. Flavin).
Chris Nägele nutzt farbige Neonröhren als frei modellierbares
Material, mit dem sie Räume und Körper 'bezeichnet', den Kurven
von Flussläufen und Rennstrecken folgt, Blumen 'sprechen' lässt
oder mit alternierenden Silben- und Wortfolgen spielerisch Sinn und Un-Sinn
provoziert. Dabei gilt ihr Hauptaugenmerk dem Verhältnis von konkreter,
sinnlich-fassbarer Sprachform und jeweils zugeordnetem Gehalt, der ideell,
flüchtig und unfassbar ist wie Neonlicht. Hier beginnt selbst für
Linguisten und Philosophen kurvenreiches Gelände, in dem Chris Nägele
jedoch furchtlos und so manches Detail erleuchtend bewegt." |
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Achtung
Wanderbaustelle!
(Auszug
aus einem Text von Ilonka Czerny, 2003, Diözese Rottenburg-Stuttgart)
"...Überraschend und unverhofft wirkt eine Baustelle mitten
im Ausstellungsbereich. Natürlich hat sie hier anders als
im Außenbereich keine unmittelbare Funktion. Hier geht es
nicht um Reparatur- oder Ausbesserungsmaßnahmen in den Ausstellungsräumen.
Die Baustelle verweist zwar primär auf den unmittelbaren Ort, den
Baustellenplatz, bezieht jedoch darüber hinaus das vre der
Künstlerin Chris Nägele ein und ist Teilkomponente der Ausstellung.
Versatzstücke aus dem realen Baugewerbe weiß-rote Absperrungen
und Asphaltstücke verknüpfen die Alltags- mit der Kunstwelt
in diesem Objekt, gehen ineinander oder stehen sich wechselseitig gegenüber.
Die künstlerische Tätigkeit manifestiert sich in den farbigen,
vielfältig geschlungenen, einen lockeren Formkanon einnehmenden Neonröhren.
Grundsätzlich versucht Nägele in ihrem Schaffen bis an die Grenzen
des Glas-Gas-Materials zu gelangen und mit Neonröhren fragile, farbintensive
Linien zu zeichnen, teils zur Akzentuierung einer vorhandenen
Linie, teils um neue Linien im Raum zu definieren. Innerhalb des Objekts
Wanderbaustelle hat Nägele zwei Herangehensweisen: Zum einen nehmen
Neonröhren die Form einer realen Kabeltrommel an, sind um diese geschlungen
und gewunden wie ein Elektrokabel. Die bearbeitete Neonröhre hat
somit den Platz eines realen Gegenstandes eingenommen. Anders die Neonröhre,
die unvermittelt im mittleren Bereich der weiß-roten Baustellenbegrenzung
auf dem Boden liegt. Welche Bauarbeiten im Einzelnen mit der fragilen
Leuchtröhre bezeichnet werden, bleibt - zwar hell erleuchtet durch
das Neonlicht - aber im Dunkeln der Erkenntnis. Hier wird ein Baustellenabschnitt
per se bezeichnet, den Realbezug erwirkt die Künstlerin durch originale
Bruchstücke von Straßenasphalt. ..."
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