| Texte: | |
| Lichte
Momente, Nirmi Ziegler, 2000 "Es ist besser eine kleine Kerze anzuzünden als die Dunkelheit zu verfluchen", Konfuzius Es ist immer das Große, Erhabene, die Unsterblichkeit, was fasziniert. Doch in Wirklichkeit sind es die kleinen, unscheinbaren Schritte, die schließlich zu einem Kunstwerk, einem Lebenswerk, etwas Zeitlosem führen und es ist die kleine Kerze nötig, die wir jeden Tag aufs neue anzünden und deren Licht uns führt. Chris Nägele ist sehr beharrlich und erfolgreich im "Kerzen anzünden" und ihre Entwicklung zu verfolgen, finde ich spannend. In ihren Arbeiten sind es drei Aspekte, die besonders auffallen: Das Phänomen "Licht", das Thema "Kommunikation" und das Gebiet "Rationalität und Technik". Durch die Kombination dieser drei Elemente spiegelt Nägele die Dualität unserer Zeit, die zum einen rationales Denken und analytische Präzision als oberste Prämisse einer wissenschaflich orientierten Welt propagiert, zum andern jedoch an der Natur des Menschen als einem philosophischen und vielschichtigen Wesen nicht vorbei kommt. Ihre Arbeiten zielen auf die Rolle der Kunst in unserer Zeit, die so eng verknüpft ist mit unserer Suche nach Bedeutung und Sinn über die bloße Funktionalität einer technologisch geprägten Gesellschaft hinaus. Licht Das Phänomen Licht spielt eine zentrale Bedeutung in Nägeles Arbeiten. Die Entwicklung dieses Themas ist geradlinig und benutzt andere, benachbarte Phänomene wie Transparenz und Spiegelungen in früheren Arheiten wie der "Kohlewand" von 1994 oder dem "Schatzhaus" von 1995, oder in "Prismen" von 1996, um Licht als indirektes Mittel einzusetzen. Licht spiegelt sich da in Altöl, fällt durch transparente Flachen oder bricht sich in Regenbogenfarben. Die Neonarbeiten schließlich konzentrieren sich auf künstliches Licht und schließen es, rneist grundfarbig rot, blau und gelb, in die gebogenen Neonröhren ein. Diese Röhren sind in den Arbeiten von 1995 "Bootshaus" und von I997 "Ausblick" zu Gegenständen wie Häusem und Leitern geformt, die dann in den Arbeiten von 1998, "Blühen", "Ziel", "Gang", "ohne", "Weg" oder "Tei-len" in Worte mutieren, sozusagen als Stellvertreter für das Eigentliche, um schließlich ganz in chaotischen Verschlingungen zu enden, wie z.B. in: "Chaos I + II von 1998, oder "Chaos" von 1999. In der Arbeit "Lichtes Blau" 2000, werden diese chaotischen Schlingen schließlich in handliche Stücke geteilt und gebündelt. Sprache Nägele greift die Funktionalitat von Kommunikation auf und hält die Bedeutungsebenen simpel, ohne jedoch deren Komplexität zu vergessen. Die doppelte Botschaft in ihren ersten Neonarbeiten von 1995 und 1997, die sich mit der Kontur von "Haus" und "Leiter" beschäftigen, liegt in der Kontroverse von entwerteter Solidität und tatsächlicher Fragilität der Gegenstände. Der nächste Schritt sind die Worte, die sie aus den Neonröhren formt. Auch hier zielt die vordergründige Eindeutigkeit auf eine Vieldeutigkeit, indem die Worte teilweise abgedeckt und somit sinnentstellend werden, oder indem ein Wort, z.B. "Tulpe", in einem Blumenkasten aus Aluminium die völlige Substitution von Natur vollzieht. In der Arbeit "Hallo" von 1999 treffen sich schließlich die Phänomene "Licht" und "Sprache" in einem Morsealphabet aus Lichtzeichen. Bereits hier ist die Entschlüsselung des Codes nicht mehr jedermann möglich. In den darauffolgenden Arbeiten "Chaos I + II" schließlich gibt es keinen entschlüsselbaren Code mehr, es ist jedoch eine neuerliche Ordnung durch Bündelung ("Lichtes Blau" 2000) möglich. Rationalität und Technik Chris Nägele repräsentiert diesen rationalen Aspekt unserer Zeit durch die präzise Ausführung ihrer Arbeiten, die oft auf geometrische Formen wie Rechteck, Kreis und Gerade und Grundfarben wie Rot und Blau zurückgreifen. Die häufig technischen und elektrischen Komponenten in vielen Installationen vermitteln ebenfaIls diese strenge und klare Aussage. Demgegenüber stehen die beiden Phänomene "Sprache" und "Licht" als Verbindungselemente zur inneren Welt des Menschen, seiner Vielschichtigkeit und seinen Widersprüchlichkeiten, Hoffnungen und Idealen. Diese drei Aspekte in Nägeles Arbeiten repräsentieren drei Dimensionen unserer Welt. Das Sublime, hier versinnbildlicht durch "Licht", das Soziale, hier symbolisiert durch "Kommunikation" und die Ökonomie, hier zitiert durch Rationalität und Technik. Wenn wir auch gerne die Welt aIs ein Ganzes sehen wollen, so spaltet sie sich in ihrer Komplexität doch auf in viele Dimensionen die sich oft kaum mehr berühren. Der Vorwurf an die Kunst ist, daß sie sich rnehr und mehr von "der Welt" entfernt. Während der Gegenvorwurf lautet, daß "die Welt" die Kunst im Stich Iäßt und Kultur nur mehr als Schlagsahne auf der Torte gesehen wird, die nur verziert aber eine Menge Geld kostet. Es ist die Kontroverse zwischen einer rein rnaterialistischen, nüchterne und kopflastigen Weltsicht und einer idealistischen, phantasiereichen und emotionalen Lebenseinstellung. Diese Ambivalenz findet sich in Nägeles Arbeiten wieder. Zum einen wollen die Arbeiten gänzlich klar und "ein-deutig" als das stehen, was ihre äußere Erscheinung hergibt; Kasten mit farbigen Neonröhren, leuchtende Worte in dunkllen Umrahmungen. Doch der Schein trügt. Zum anderen zielen sie nämlich auf eine "Viel-deutigkeit". In Nägeles Werkprozess findet eine Entfremdung von der materiellen Gegenständlichkeit statt, über die Metaebene der Buchstaben als Zwischenstufe, hin zu einer "abstrakten" Botschaft in den Arbeiten "Chaos", die dann wiederum "gezähmt" und "gebündelt" wird in der letzten Arbeit "Lichtes Blau". Im Zeitalter der Wissenschaft, wo Geheimnisse dazu da sind, aufgedeckt und bis ins letzte Atom analysiert zu werden, ist kein Platz mehr für Unerforschtes, Unentdecktes. Doch die Präzision der Naturwissenschaften ist nicht anwendbar auf Kunst. Kunst ist nie eindeutig, das hat sie mit Kommunikation gemeinsam. Sie ist ein komplexes Feld und so scheint es, als wäre nichts schwieriger, als zu "verstehen". Wie jede Geste, jedes Wort, jedes Verhalten eine Vielzahl von Bedeutungsmöglichkeiten birgt, so fordert das Kunstwerk mit jeder Faser seines Seins Interpretation. Das rnacht seine Schönheit aus, ist oft aber auch Grund für Mißverständnisse und Konflikte. Kunstwerke provozieren Interpretation. Was will uns das Werk sagen, womit setzt es sich auseinander, welche Aussage hat es? Die ietztendliche Unergründlichkeit ist es, die Kunst ausmacht. Nichts langweiliger als eine Arbeit, die keine Geheimnisse birgt und auch behält. Nägele provoziert rnit ihren scheinbar so spielerisch geradlinigen Kunstwerken diese Diskussion und bereichert unsere Kunstwelt mit ihren Beitragen voller Hintersinn. Es lohnt nicht, sich vom Licht blenden zu lassen, sondern einen zweiten Blick "hinter die Kulissen" dieser so perfekt gemachten Objekte zu vverfen. |
|